Hinter zwei Spiegeln, schnell

In Bruchteilen von Sekunden können Lebewesen, man weiß es derzeit am besten vom Menschen, erspüren und empfinden, was das Gesicht eines anderen mitteilt. Weniger Zeit wird benötigt, als ein Blitz braucht, um vom Himmel in die Erde zu schlagen, um komplexe Mitteilungen zu ‚senden’ und zu ‚empfangen’. Weder Sender noch Empfänger wissen, was geschieht. Weder ist dem, in dessen Gesicht plötzlich alles ‚geschrieben steht’, mög­lich, es zu verhindern, noch kann, wer es sieht, davor die ‚Augen ver­schließen’. Diejenigen, deren Gesichter ‚verraten’, wie es treffend heißt, können im Gespräch das Gegenteil beteuern, die Wahrheit stand in ihrem Gesicht. Aber gilt das auch für ein ‚geronnenes’, gemaltes und gezeichnetes Gesicht? Wie käme in diese Antlitze das unbetrügbare Moment? Oder läge hier endlich einmal ein Vorteil der plötzlich kurz fixierenden Fotografie?

Die Männer, deren Köpfe Herbert Franz in einzelne Radierungen bringt, stammen aus der Werkstatt der Offenbarung. Diesem großen Text, dieser Vision, hat der Künstler große Zyklen gewidmet. Man kommt nicht umhin, die Gesichter vor dem Hintergrund des apokalyptischen Geschehens zu be­trachten. Auf den ‚ersten Blick’ ist zu bemerken, dass in diese Gesichter etwas ‚eingegraben’ ist. Sie haben etwas gesehen, das sie nicht wieder loswerden. Zwei Männer reißen ihre Münder auf, im Affekt, abwehrend der eine, beim anderen scheint Schreck in Wut überzugehen. Einem gilt eine hilfreiche Hand. Einer liegt offenen, einer halb geschlossenen Auges, andere sehen aus tiefen Augen ernsten Zeiten entgegen.

In mehreren Fällen scheint der Ausdruckswille des Künstlers bereits die Plastik des Kopfes, gewiss unbewusst, aber zielsicher, gewählt zu haben. Es sind überwiegend ‚gedrückte’ Köpfe, kein einziger ‚hoher’. Zweimal sieht man ein Stirnband, was im allgemeinsten Sinne auf körperliche Intensität deutet. Wir sehen keinen Adel, sondern herbe Gestalten, mager anmutend, woran die dünnen, markanten Nasen mittun könnten, schlachtbereit, streit­fähig, Gestalten, die selbst schon einige Hiebe abbekommen haben.

Das Wissen von der ‚Wahrheit’ des Gesichts ist vermutlich sehr alt. Schon bei Aristoteles ist es elaboriert und kennt Geheimnisse, die nicht für Jeder­mann geeignet schienen. Seit der frühen Neuzeit, als sich die Bild­auf­fassung herausbildete, auf der heutiges Porträt wie Foto und Film beruhen, wusste man, was die Formen von Kinn und Stirn, Augen und Mund ‚an sich’ bedeuten. Lange Zeit unterschied die Physiognomik ihre Typen nach ähn­lichen tierischen „Charaktären“, einer Logik, der sich selbst ein Leonardo nicht völlig entzog. Er empfahl: „Die Besiegten und Geschlagenen machst du bleich, ihre Augenbrauen, wo sie aneinanderstoßen, in die Höhe gezogen, und das Fleisch darüber ganz voller schmerzlicher Falten. Auf dem Nasen­rücken seien einige Runzeln, die im Bogen von den Nasenflügeln her auf­steigen, um beim Anfang des Auges auszulaufen … Die im Bogen ge­krümm­ten Lippen lassen die Zähne sehen, und die Zähne sind geöffnet, wie beim Schreien und Wehklagen … Andere machst du laut aufschreiend, mit weit aufgesperrtem Mund …“

Die neun Gesichter aus der Offenbarung von Herbert Franz sind voll­kommen frei von Karikatur. Alles, was sie neben der grundsätzlichen Be­stimmung als Typ, was sie ‚zeichnet’, ist ihnen im Wortsinne eingezeichnet. Verschoben sind Augenlinien, verformt scheint wiederholt die Nase, mitunter ‚schmerzen’ die Gesichter wie ‚eingedrückt’. Bereits die Verschattung jeweils einer Seite der Gesichter taucht sie in dramatisches Licht. Fleckig ist ent­sprechend die Oberfläche ihrer Haut. Die verschieden tiefen Flächen der Radierung ‚ätzen’ gleichsam an den Oberflächen, wenngleich es eher der scharfe Schnitt der Nadel ist, der die Hautfalten zieht und vertieft, der den ‚Teint verwundet’, wenn das Wort erlaubt ist.

Es ist die Arbeit des Künstlers, mit Hand, Auge, mit allem, was den Körper steuert, die jenen Moment der unübersetzbaren Mitteilung hineinbringt. Den ‚Gezeichneten’ ist nicht möglich, uns mit unwillkürlichen physiognomischen Signalen zu erschrecken. Was wir dennoch zu sehen meinen in ihren Ge­sichtern, ist gleichsam, durch des Künstlers Spiegel, dennoch und genau das, was sie sahen, in des Künstlers Vision.

Meinhard Michael

Leipzig, 2015