Die Öffnung der Sieben Siegel

In den sieben Blättern der zweiten großformatigen Serie, »Die Öffnung der Sieben Siegel«, hebt Herbert Franz Einzelmotive stärker hervor und knüpft damit punktuell am Offenbarungstext an. So kann man in den ersten beiden Blättern die Pferde – ausgemergelte Klepper – ausmachen, auch im dritten, wo ein müder Tod dahergeritten kommt. Die herabrutschende Gestalt er­innert leicht an Arnold Böcklins Gemälde »Die Pest«. Im vierten Blatt kippt ein Kelch aus der Waage, mit der der dritte Reiter bekanntlich ausgestattet ist. Wer will, wird in diesem Blatt sogar eucharistische Symbole erkennen und Luther unten in der Ecke. Doch was hier vergossen wird, ist keinesfalls wesensverwandeltes Blut. Es errettet nicht, sondern tötet.

Der Text der Offenbarung ist komplexer, als die Papiere fassen können, so sind auch hier Symbole variabel. Die Hauptmotive werden wie in »Die Scha­len des Zorns« zusammengebracht mit natürlich-kreatürlichen Momenten. Zu registrieren sind neuzeitliche Details, puppenhafte und berechnete Mensch-Skizzen, ein Wimpelzug.

Auch beim fünften Siegel (Seelen der Märtyrer unterm Altar), beim sechsten (Mond wie Blut) und natürlich beim siebenten Blatt ist der Textbezug zu benennen. Im Finale sind wir wieder, um einen Bogen zu den »Schalen des Zorn« zu schlagen, im Überflug über eine bebaute Welt, die sich unter hohen dunklen Himmeln duckt: Nun bringen die sieben Posaunen die nächsten Plagen, eine formale Legierung aus Feuerstrom, Todesschädel und über­natürlichem Lichtzeichen als Allmacht des Unheils, … zu töten den dritten Teil der Menschen.

Meinhard Michael

Katalogtext »Menetekel«, Leipzig, 2012